Ein Schultag für Anne Frank

Die „Courage-AG“ am Adolf-Schmitthenner-Gymnasium hat anlässlich des Anne-Frank-Tags ein großes Projekt umgesetzt. Die Schule wollte das komplette Tagebuch der Anne Frank an einem einzigen Tag hörbar machen. Von 8 bis 18 Uhr saßen Menschen aus allen Teilen der Schulgemeinschaft und der Stadt auf dem Lesestuhl in der Aula. Sie lasen nacheinander aus der rund 320 Seiten starken Ausgabe vor. Mal waren es fünf Minuten, dann 15 Minuten.
Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Rektor Harald Frommknecht, Mitarbeitende aus der Stadtverwaltung, Mitglieder des Gemeinderats und viele Interessierte aus Neckarbischofsheim machten bei der Aktion mit. Die Bühne war bewusst schlicht gehalten. Ein zusätzlicher Sessel, eine Lampe und ein Mikrofon, mehr brauchte es nicht. Einige Klassen kamen für geplante Zeitfenster vorbei. Andere stiegen spontan ein. Manche Jugendlichen blieben nur kurz stehen und hörten ein paar Absätze. Andere setzten sich und blieben länger.
„Es war beeindruckend zu sehen, wie viele sich ganz bewusst Zeit genommen haben“, sagte Lehrer Johannes Roß von der „Courage-AG“. Bis zum späten Nachmittag lasen vor allem Schüler sowie das Kollegium. Anschließend kamen Stadträte wie Walter Zeller, Sven Immenroth und Jochen Leinberger zu Wort. Auch Maria Daub-Verhoeven, ehemalige Elternbeiratsvorsitzende, nahm sich Zeit, um aus dem weltbekannten Buch vorzulesen. Das Tagebuch sollte bis 18 Uhr vollständig gelesen sein. Falls nötig sollte die Lesung an einem anderen Tag weitergehen.
Dazu gab es in der Aula parallel eine kleine Ausstellung. Auf Stellwänden hingen Bilder und Texte zu Anne Frank. Auf einem Tisch stand ein Modell des Hinterhauses in der Amsterdamer Prinsengracht 263. Viele blieben nach der eigenen Lesezeit noch kurz stehen, schauten sich das Modell an und verglichen es mit den Stellen im Tagebuch, das mit Anne Franks 13. Geburtstag beginnt.
Am 12. Juni 1942 bekam sie ein rot-kariertes Poesiealbum. Sie hatte es sich selbst im Laden ausgesucht und sich ein Tagebuch gewünscht. Das Buch war im Dezember 1943 voll. Danach nutzte Anne Frank zwei Schulhefte und rund 300 lose Blätter. Sie schrieb den größten Teil ihrer Einträge im Versteck in der Prinsengracht. Dort lebte sie mit ihrer Familie von Juli 1942 bis August 1944. Am 5. April 1944 notierte sie den Satz: „Ich will nicht umsonst gelebt haben.“ Dieser Satz markiert einen Kern ihres Schreibens.
Anne Frank wollte verstanden werden. Sie wollte zeigen, wie sie denkt. Und sie wollte festhalten, was ihr wichtig war. Ihr Tagebuch wurde für sie zu einer Art Bezugsperson. Sie schrieb über ihre Eltern, über Konflikte, über Wünsche, über Angst und über die tägliche Anspannung. Gleichzeitig schrieb sie über die politischen Ereignisse, über Verfolgung und über das enge Leben im Hinterhaus. Trotz aller Belastung hielt sie an einer klaren Hoffnung fest. Sie glaubte an ein friedliches Zusammenleben.
Ein wichtiger Wendepunkt kam im Frühjahr 1944. Die Untergetauchten hörten eine Radioansprache des niederländischen Ministers Gerrit Bolkestein. Er rief dazu auf, Dokumente aus der Besatzungszeit aufzubewahren. Anne Frank nahm diesen Aufruf ernst und begann, ihre Einträge zu überarbeiten. Sie plante, später ein Buch mit dem Titel „Het Achterhuis“ zu veröffentlichen. Otto Frank stellte nach dem Krieg eine Fassung aus allen vorhandenen Versionen zusammen. Diese Ausgabe erschien am 25. Juni 1947.
Das Tagebuch wäre aber ohne Miep Gies nie erhalten geblieben. Nach der Verhaftung der Untergetauchten im August 1944 betrat sie das Hinterhaus und sammelte Fotos, Kleidung, Notizbücher und lose Blätter. Sie bewahrte alles auf, um es Anne Frank später zurückzugeben. Erst nachdem klar war, dass Anne Frank im Frühjahr 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus gestorben war, gab sie die Schriften an Otto Frank weiter.
Heute liegt das Tagebuch in mehr als 70 Übersetzungen vor. Es gehört zu den meistgelesenen Büchern der Welt. Viele Menschen nutzen es, um sich in Anne Franks Situation einzufühlen, die Folgen von Menschenfeindlichkeit zu verstehen und eine eigene Haltung zu entwickeln. Die Lesung am ASG wollte genau das sichtbar machen. Die Schulgemeinschaft hielt Anne Franks Worte lebendig und setzte ein klares Zeichen gegen Antisemitismus, Ausgrenzung und Hass.
Bundesweit beteiligten sich in diesem Jahr rund 100 000 Schüler an 731 Schulen am Anne-Frank-Tag. Der Tag erinnert an Anne Franks Geburtstag am 12. Juni und legt den Schwerpunkt auf Antisemitismus heute, digitale Hetze und den Umgang mit Diskriminierung. „Da dieser Tag aber bei uns in den Pfingstferien lag, haben wir angefragt, ob wir diesen Gedenktag nachholen können“, erklärt Roß den späten Termin im November.
Das Anne-Frank-Zentrum in Berlin hatte Materialien zur Verfügung gestellt. Dazu gehörten die Ausstellung, Bücher, die Anne-Frank-Zeitung, Reflexionskarten und ein Leitfaden. Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz fördert den Aktionstag.
(Mit freundlicher Genehmigung der RNZ, Foto und Text: Berthold Jürriens)